Auf einen Schlag war alles anders – Teil 1: Plötzlich Schlaganfall

Wir alle wissen mit unserem Verstand, dass es jederzeit vorbei sein kann, sich das Leben von einem zum anderen Augenblick drehen kann. Ein Unfall, eine Naturkatastrophe, eine Diagnose, und nichts ist mehr, wie es war. Unser Selbstschutz macht uns glauben, das passiert nur den anderen. Nicht mir. Nicht uns. Aber irgendwann zwischen dem 14. und 16.12.2024 passiert es meinem Partner, passiert es mir, passiert es uns: B hat einen schweren Schlaganfall.
Wir wohnen nicht zusammen, niemand bekommt es mit. Als er, der Zuverlässige, mittags überfällig ist, ruft die Sekretärin an seinem Arbeitsplatz intuitiv die Polizei.
Die Sekretärin rettet ihm das Leben, aber weder Bs noch mein Leben werden je wieder sein wie zuvor.

Tag eins

Die Nachricht

Die Nachricht von Bs Tochter erreicht mich am 16. Dezember kurz vor 21 Uhr.
Die Informationslage ist spärlich.
Aufgeschreckt von einer „Viel Kraft“-Mail einer Kollegin von B, war seine Tochter aufs Geratewohl spätnachmittags am nächstgelegenen Krankenhaus vorbeigefahren. Dort wurde ihr Vater gerade notoperiert. OP überstanden, Intensivstation, mehr erfahre ich jetzt nicht.
Bevor ich die 15 Minuten zu Fuß ins Krankenhaus zurücklege, rufe ich meine Mutter an. In dem Moment, wo ich ihre Stimme höre, entlädt sich mein Schock in einem gewaltigen Zittern meines ganzen Körpers, so dass ich ihr nur mit Mühe und zähneklappernd berichten kann. 

Zwischen Ende und Anfang

Als der Wind mich und eine gelbe Katze durch die Drehtür in die öde daliegende Aufnahmehalle weht, ist meine größte Sorge, dass man mir keine Auskunft gibt. Die Besuchszeit ist seit Stunden vorüber, B und ich sind nicht verheiratet, und er hat natürlich keine Vorsorgeverfügung.
Aber ich werde anstandslos vom Pförtner zur Notaufnahme, von der Notaufnahme zur operativen Intensivstation und durch die sich nur nach Klingeln und Gespräch durch die Sprechanlage öffnende Tür der Intensivstation gelassen. Ein Pfleger macht für mich das Licht im Warteraum an und will der Ärztin Bescheid geben.

Die nächsten drei Stunden starre ich abwechselnd auf einen riesigen schwarzen Bildschirm, den Fußbodenbelag und einen Weihnachtsbaum.
Abgesehen davon, dass er künstlich ist, gefällt mir der Weihnachtsbaum: rote und goldene Kugeln, Strohsterne und auf die Zweige gelegte  Fröbelsterne.
Er gaukelt Normalität vor, tatsächlich mit etwas Erfolg: Eine ganze Weile lang überlege ich, ob und wo es den Fußbodenbelag in anderen Farben gibt; meine Mutter hat gerade einen Wasserschaden in der Küche und braucht einen neuen.

Dieser Ort und diese Stunde haben etwas sehr Unwirkliches: zwischen Jahresende und Jahresanfang, zwischen Nacht und Tag, zwischen Leben und Tod. Etwas hört auf und etwas fängt an.

Ich kann schon lange nicht mehr sitzen und bin k.o. davon, im Raum auf und ab zu tigern, da endlich kommt die Ärztin. Ich höre nur: schwerer Schlaganfall, Halsschlagader dicht, im Team wegen des zu jungen Alters des Patienten für diese Operationsmethode statt einer alternativen entschieden, Stent gesetzt, Blutungen, man müsse abwarten.
Mehrfach fragt sie nach, ob ich noch weitere Fragen habe.
Jedes Mal schüttle ich meinen leeren Kopf.

Schließlich frage ich nur zaghaft, ob ich ihn wohl sehen dürfe.
Ich darf.
Während sie mich nachts um eins durch ein toten(Toten?)stilles Ganglabyrinth lotst, fragt die Ärztin mich dann doch mal genauer, wer ich bin. Ich erkläre ihr, dass ich in den Unterlagen der Augenklinik im Hause, mit der B im Sommer zweimal zu tun hatte, als Kontakt geführt würde. Sie notiert sich meinen Namen und meine Telefonnummer, damit ist das Thema erledigt.
B liegt ordentlich zugedeckt in seinem Bett, normale Gesichtsfarbe. Er fühlt sich warm an. Er reagiert auf mich, gurgelt etwas Unverständliches, ist benommen.
Ich schiebe das auf die Operation und die Nachwirkung der Betäubung. Mit Schlaganfällen kenne ich mich nicht aus. Ich weiß nur, dass jede Minute zählt, und dass bei B möglicherweise anderthalb Tage vergangen sind. Das macht mir Angst, aber welche konkreten Auswirkungen das hat, ahne ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Es ist wichtig für mich, ihn mit eigenen Augen gesehen zu haben, aber ich will nicht weiter stören, also verabschiede ich mich nach wenigen Minuten, fahre mit dem Fahrstuhl nach unten, passiere die verwaisten Glaskabinen in der Aufnahme. Unter einem der Wartestühle davor sitzt die gelbe Katze und leckt sich die Pfote.
Ich stolpere durch die schlecht beleuchteten kleinen Straßen rund ums Krankenhaus nach Hause, informiere meine am Telefon harrende Mutter, ziehe mich aus, falle ins Bett und schlafe wider Erwarten sofort ein

Immer noch da

Am nächsten Morgen hat der Warteraum der operativen Intensivstation einen völlig anderen Charakter.
Ich bin nicht mehr alleine, sondern warte mit fünf anderen. Auf dem Bildschirm werden Informationen und Verhaltensregeln weitergegeben: Behalten Sie Ihre Blicke bei sich und schauen Sie im Vorübergehen nicht in die Zimmer.
Vor die Tür des Warteraums ist ein Tresen gerollt, dahinter eine Schwester. Sie lässt nicht nur die klingelnden Besucher ein, sie vermittelt auch zwischen dem Warte- und den Patientenzimmern.
In Bs herrscht Hochbetrieb. Ein Neuzugang muss versorgt werden, er leistet Widerstand, es wird laut. Zwischendurch darf ich für zehn Minuten rein.
Alles hell, klinisch, weiß. Fünf Pfleger und Schwestern in eingespielt wirkender Choreographie. Sie verständigen sich mit knappen Stichworten. Jeder Handgriff sitzt.
B liegt gerade, mit geschlossenen Augen, Hände auf der Bettdecke in seinem Bett. Das Wort ‚gepflegt’ kommt mir in den Sinn. Er scheint zu schlafen. Ein sehr junger Pfleger stellt sich mir vor und fragt, wie viel ich wisse. Er wiederholt, was die Ärztin nachts gesagt hat. Bs linke Seite sei gelähmt, ob ich sehen könne, dass der Mundwinkel hänge.
Bei sehr genauem Hinsehen kann ich das.
Man warte auf ein neues CT. Man müsse abwarten. Der Patient sei wach.
Der Pfleger holt mir einen Stuhl, ich erkenne kein Anzeichen dafür, dass B wirklich wach ist. Ich greife seine rechte Hand, er streichelt ein bisschen zurück, öffnet die Augen aber nicht. Dann hört das Streicheln auf, sein Atem verändert sich, jetzt ist er wirklich eingeschlafen. Ich werde gebeten zu gehen.

Am Nachmittag verlegt man B auf die Stroke, die Intensivstation für Schlaganfälle.
Auch hier gelten eingeschränkte Besuchszeiten, auch hier muss man an der Tür klingeln. Aber hier ist die Tür aus Glas.
B liegt unmittelbar dahinter. Alles offen und einsehbar. Alles düster und abgeranzt. Über allem der Geruch nach Exkrementen. Eine Schwester ist nur selten zu sehen. 
B liegt schief und in sich zusammengerutscht zwischen zerknülltem Bettzeug. 
Alle Schläuche in ihn hinein und aus ihm heraus liegen ebenso bloß da wie der Körper des Mannes, der bis vorgestern ein völlig gesunder Mittsechziger war. Ein Mann, der im September noch Marathon gelaufen ist. Ein Mann wie ein Baum.
Die neue Ärztin erklärt mir mit Bs nickendem Einverständnis, dass er einen riesigen Bluterguss im Kopf habe. Wenn der sich abbaue, sei es möglich, dass Funktionen wiederkommen. Sie spricht von der Plastizität des Gehirns, versucht, Hoffnung zu machen.
B wirkt wie benommen, so als habe er mit dem Baseballschläger kräftig eins übergezogen bekommen. Er kann sich nicht selber umlagern, hält die Augen halb geschlossen. Sprechen an sich kann er, aber nur flüsternd und völlig tonlos. 
„Peng“ kommentiert er eine Äußerung der Ärztin, die ich leider vergessen habe. Aber es ist um die Ecke gedacht und Sprachwitz vom Feinsten, und da weiß ich: Er ist immer noch da.

Hilflos = würdelos?

Im Krieg, so heißt es, geht die Wahrheit als erstes drauf. Bei einem Schlaganfall ist es die Würde. 
Es geht los auf der Stroke. 
Dass eine Intensivstation keine Trennung nach Geschlechtern vornehmen kann, leuchtet noch ein. Schließlich kann man die Aufnahme eines Patienten nicht aufschieben, nur weil das freie Bett im falschen Zimmer steht. Das war auf der operativen Intensivstation auch so. Aber dort habe ich zum einen den Umgag mit den Patienten als respektvoll empfunden. Zum anderen war es den Besuchern dort möglich, der Aufforderung vom Bildschirm im Warteraum nachzukommen und den Blick bei sich zu behalten.
Die Patientenzimmer der Operativen waren normale Zimmer, auch wenn die Türen offen standen, und im Zimmer waren mobile Sichtschutzwände zwischen die Betten gestellt. Auf der Stroke sind die Zimmerwände zum Gang hin herausgerissen, und zwischen den Betten gibt es bestenfalls Bettbezüge, die auf Augenhöhe irgendwie über rutschigen Metallstangen hängen, also nicht in ganzer Länge, sondern halbiert. Darunter ist alles einsehbar.
Im Nachbarbett von B zum Beispiel liegt in den ersten Tagen eine alte Frau. Sie scheint geistig verwirrt, glaubt sich im Kino. Eine Krankenschwester äußert, sie wisse schon, woran „es“ bei „der“ liege und macht eine Bewegung, als ob sie rauche. Auch über einen männlichen Mitpatienten spricht sie ungeniert laut, als könne er sie nicht hören. Sich beschweren jedenfalls kann er tatsächlich nicht.
Mehrfach erlebe ich mit, wie die alte Frau nach einer Schwester ruft, sich, als niemand kommt, schon mal die Windel aufknüppert und schließlich, als doch jemand kommt, auf den Toilettenstuhl gesetzt wird. Öffentlich.

Die die Intimsphäre der Patienten hochgradig verletzenden Zustände jedoch spornen B an.
Er, der sich nach einem Zahnarztbesuch nicht einmal mir mit geschwollener Wange zeigen will, aus Sorge, das könne einen bleibenden negativen Eindruck hinterlassen, kämpft entschlossen darum, im Rollstuhl die drei Schritte ins angrenzende Bad gefahren zu werden.
Das Personal ist nicht begeistert. Zwei Pfleger sind nötig, ihn aus dem Bett zu hieven. Kurz stehen und dann in den Stuhl kippen, das geht aber schon am dritten Tag. Ich staune. Selbständig im Bett die Lage verändern, geht nicht, da hätte ich drei Sekunden stehen nicht für möglich gehalten.
Am Ende der ersten Woche kann B ein paar Minuten sitzen. Inzwischen liegt er auf der Normalstation Neurologie, Herrenzimmer. Für einen soliden Stuhl neben dem Bett hat es hier nicht gereicht. Die letzte Mahlzeit in diesem Krankenhaus nimmt er auf der Bettkante hockend ein, wobei er immer mehr in sich zusammenrutscht.
Im Lauf der Woche ist er von flüssiger über breiige zu geformter und schließlich fester Nahrung übergegangen. Jeder dieser Übergänge erforderte das O.k. der Logopädin, die das Schluckverhalten prüft. Die Meinung des Patienten selbst, wozu er in der Lage ist, zählt nicht, was er selber als entmündigend wahrnimmt. 

Einen Tag vor Weihnachten wird B in eine neurologische Rehaklinik außerhalb Berlins verlegt. Er landet prompt in der geschlossenen Abteilung für demente und geistig verwirrte Patienten, die am Weglaufen gehindert werden müssen.
Die Station befindet sich in der Unteretage der Klinik, quasi im finsteren Keller, was, soviel sei zugegeben, auch mit der Hanglage des Hauses zusammenhängt, und erweckt deutlich den Eindruck, als sei man der Meinung, dass es bei „diesen“ Patienten nicht drauf ankommt, ob sie sich wohlfühlen.
B wirkt zwar äußerlich benommen und spricht, bzw. flüstert nicht viel, aber sein Intellekt hat durch den Schlaganfall keinesfalls gelitten.
Das könnte man feststellen, wenn man sich mit dem Patienten unterhält.
Als die Stationsärztin zwei Wochen später aus ihren Weihnachtsferien zurückkommt und bemerkt, dass B sich an ihren Namen und ihren Urlaubsort erinnert, veranlasst sie immerhin augenblicklich seine Verlegung auf eine andere Station.

Rollentausch

Der Schlaganfall kehrt das Verhältnis zwischen mir und B plötzlich um. Bislang war ich diejenige, die Unterstützung und Hilfe im Alltag brauchen konnte, und er derjenige, der sie leistete. Auf einmal bin ich diejenige, die mehr kann.
Und es passiert etwas Seltsames in mir: In den ersten Wochen bin ich mir dessen auf Schritt und Tritt bewusst. Während ich für gewöhnlich meinen Körper als „fehlerhaft“ und „schwach“ betrachte, spüre ich jetzt, was ich alles kann. Spüre jede Bewegung, die ich machen kann, genieße sie geradezu, und sei sie noch so klein, und verstehe, welche Freiheit darin liegt! Eine Freiheit, die B durch seine halbseitige Lähmung genommen ist.

Nach ungefähr zehn Tagen in der neuen Klinik schiebe ich B zum ersten Mal im Rollstuhl.
Eine aufregende Angelegenheit für uns beide.
Ich selbst bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich Bs Handlungs- bzw. Erlebnisradius gern ausweiten, ihm Abwechslung verschaffen und zeigen, wo er eigentlich gelandet ist; Orientierung ist wichtig. Auf der anderen Seite zweifle ich stark daran, dass ich es schaffen werde, diesen großen, nahezu bewegungsunfähigen Mann, im Rollstuhl manövrieren zu können. 
Und auch B ist die Sache nicht geheuer, er lässt sich nur widerwillig von der Schwester in den Rollstuhl helfen. Wir werden nach kurzem Warten durch die Stationstür gelassen, fahren mit dem Fahrstuhl nach oben und durch einen leeren Gang, bis wir in der Nähe des Klinikeingangs auf den ersten Besucher stoßen. Da will B augenblicklich zurück. Er fühlt sich mit ungewaschenen Haaren und bekleckerter Kleidung nicht gesellschaftsfähig. Wenige Minuten darauf sind wir zurück im Schutz der finsteren Kerkerstation und müssen uns erst einmal erholen. 

Heute, sieben Monate später, geht B am Stock. Aufrecht und selbständig.
Während sich die Lähmung von Arm und Hand kaum gebessert hat, ist er relativ schnell wieder ins Gehen gekommen, natürlich anders als früher und in der Außenwirkung, als könne er jeden Augenblick umfallen. 
Vor Kurzem fuhren wir zusammen S-Bahn.
Freitagnachmittag, der Zug vor uns ausgefallen, der Wagon rappelvoll. Sofort stehen eine Mutter und ihre Tochter auf, um uns ihre Plätze anzubieten. An der Treppe vom Bahnsteig runter fragt ein Mann, ob er helfen könne. Das ist nicht nötig, aber in diesem Augenblick frage ich mich: Wie nehmen die Leute auf der Straße mich jetzt wahr, neben ihm? Stark, gesund? „Normal“?
An und für sich ist das ja nichts Neues für mich. Was meine eigene Krankheit betrifft, war es ja immer so, dass niemand mir ansieht, dass mein Ausflug in die Öffentlichkeit keine Selbstverständlichkeit ist. Und so wurden B und ich sicherlich auch als ganz „normales“ Paar unter vielen wahrgenommen. 
Jetzt ist das anders geworden. Jetzt ist B sichtbar angeschlagen, was ganz offensichtlich als hilfsbedürftig interpretiert wird, und ich bin äußerlich doppelt „normal“: der Teil des Paares, der keine Hilfe braucht, sondern sie leistet. Die klassische „Angehörige“.
Der Begriff beschäftigt mich. Die eigentlich neutrale Definition eines sozialen Verhältnisses erhält im Zusammenhang mit Krankheit oder Behinderung einen besonderen Klang.
Oder ist das nur in meinem Kopf so? Weist die Tatsache, dass ich mir allen Ernstes Gedanken darüber mache, wie uns die Leute sehen, darauf hin, dass ich mich noch nicht mit der Rolle identifizieren kann, in die ich hineinkatapultiert wurde? In die Rolle der Angehörigen eines Schlaganfallpatienten.
Das ist auch nicht leicht. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht.


Auf einen Schlag war alles anders – auch für mich. Lies hier weiter über den Ausnahmezustand Angehörige.

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