Auf einen Schlag war alles anders – Teil 2: Ausnahmezustand Angehörige

Ich, die ich für gewöhnlich absolute Stille brauche, lege mir eine Playlist von elf Titeln an. Sie dauern so lange wie die Fahrt mit Verkehrsmittel Nummer 2, dem Regionalzug. Wenn er Bahnhof Friedrichstraße einfährt, stopfe ich mir die Stöpsel in die Ohren und pushe mich mit I will survive (Gloria Gaynor), I love my life (Robbie Williams) und It’s my life (Jon Bon Jovi) der Rehaklinik entgegen. Ich bin in meinem neuen Leben als Angehörige eines Schlaganfallpatienten angekommen.
Mein eigenes Leben liegt auf Eis.

Nicht noch mehr Krankengeschichten, bitte!

Es sind die Blicke, die die Gemeinschaft bilden. Die stumme Gemeinschaft der Angehörigem.
Beim aneinander Vorbeigehen auf dem Gang, beim Rangieren in der Cafeteria für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit von dem im Rollstuhl lösen, ein kurzer Blick, ein kurzes Zulächeln aus Augen, hinter denen etwas erloschen ist. Wissend. Worte bedarf es keiner. Worte wären zu viel, würden die Löcher in der Rüstung, mit der man sich aufrecht hält, vergrößern. Nicht man selber ist wichtig, wichtig ist, dass man funktioniert, wichtig ist der im Rollstuhl.

Die Anreise dauert mit S-Bahn, Regio und Bus, Puffer für Verspätungen und Ausfälle eingerechnet, ungefähr zwei Stunden. Der Bus zur Klinik fährt nur alle zwei Stunden und begrenzt die nachmittägliche Besuchszeit. Daher treffe ich am Busbahnhof auf die ersten bekannten Gesichter, fahre am Abend mit denselben Menschen wieder zurück. Abgesehen von einer Frau, die am Ende ihren Mann nur an zehn Tagen innerhalb von sechs Monaten nicht besucht haben wird und sich dafür Anerkennung von außen holt, finden Gespräche so gut wie nicht statt. Allenfalls wechselt man ein paar Worte über das Wetter oder die Bahn.

Der Austausch mit anderen „frischen“ Angehörigen wäre vielleicht hilfreich, aber auch ich scheue echte Gespräche. Zum einen sind Wartehäuschen, Bus und Bahn kein geschützter Ort und überhaupt nicht das Setting, das es braucht. Zum anderen ahne ich, dass ich mein eigenes existenzielles Entsetzen, meine eigene Hilflosigkeit nur gespiegelt bekäme. Und für noch mehr Krankengeschichten fehlt mir im Moment wirklich die Kraft.

„Ich verstehe, warum Sie das tun, aber passen Sie auf sich auf!“

Was ich mir – in einer idealen Welt – von Seiten der neurologischen Rehaklinik gewünscht hätte, wären Information und psychologische Beratung der Angehörigen gewesen.
Die Realität ist weit davon entfernt.
Die Angehörigen sind für die Klinik schlicht nicht existent. In den 18 Wochen, die B sich dort aufhält, kann ich über seine schlussendliche Diagnose, seinen Therapieverlauf und die Prognose nur spekulieren. Aufklärung durch einen Arzt findet nicht statt, und ohne zu wissen, woran ich bin, fällt es mir ungleich schwerer, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. 

Um wieder Boden unter die Füße zu kriegen, tue ich, was ich immer tue: Ich lese. Kaum steht der Schlaganfall im Raum, fange ich an, alles zu lesen, was mir in die Finger kommt.
Dass wissenschaftliche Artikel anders als zu meiner Studienzeit jetzt digital vorliegen und ich von zu Hause aus auf die Datenbank der Staatsbibliothek Berlin zugreifen kann, erleichtert die Sache ungemein. Nächtelang scrolle ich durch die Seiten der Schlaganfall-Gesellschaften in allen Sprachen, derer ich mächtig bin.
Eines kristallisiert sich sofort heraus: Je eher man mit der Therapie anfängt, desto besser, und Ausdauer und Wiederholungen zählen am meisten.
Aber!
Ein Schlaganfall kommt sicherlich nie zur rechten Zeit, doch Weihnachten und Winter sind die denkbar schlechteste Zeit, die man sich „aussuchen“ kann: viele Feiertage, viel Urlaub, viel Krankenstand. Nach drei Wochen Rehaklinik lassen sich Bs Therapieeinheiten an einer Hand abzählen. Der Wechsel der Station, mit neuer Begutachtung seiner Fähigkeiten anstelle von Therapie, tut sein Übriges.
Ich gerate in Panik, sehe kostbare Zeit dahinschwinden.
Also schärfe ich dem Patienten bei jedem Besuch ein, er solle Bewegung denken; schließlich habe ich vor vielen Jahren, als bei mir ein Elektromyogramm gemacht wurde, mit eigenen Augen gesehen, dass eine gedachte Bewegung einen elektrischen Impuls auslöst. Und den braucht sein Gehirn, um neue Verknüpfungen zu bahnen.
Außerdem fange ich an, seinen linken Arm und die Hand passiv zu bewegen.
„Ich verstehe, warum Sie das tun, aber passen Sie auf sich auf!“, sagt die Krankenschwester zu mir.
Das ist gar nicht so einfach, denn abgesehen davon, dass ein Arm schwer ist (beim Bein gebe ich auf), komme ich kaum an B heran. Ich muss mich nicht nur über das hochgezogene Gitter am Bett beugen, zu mir hin an den Rand rutschen kann er auch nicht.

Ich weiß nicht, ob auch andere Angehörige die Ersatztherapeutin spielen, für die psychologische Betreuung des Patienten sind sie allemal zuständig.
Gestandene, ausgewachsene Männer, die hemmungslos schluchzen. Ehefrauen, die beruhigend auf sie einreden, zählen zu den Klinikeindrücken, die bleiben. Die Verbreitung von Hoffnung und Zuversicht obliegt den Angehörigen, obwohl sie diese selbst bitter nötig haben.
Als der erste Termin beim Psychologen auf Bs Tagesplan auftaucht, freue ich mich noch, muss dann aber schnell erkennen, hier geht es nicht um Psychotherapie, sondern um die Behandlung seines schweren Neglects und seiner Aufmerksamkeitsstörung mit computergestützten Verfahren durch einen Neuropsychologen. Dieser Zweig der Psychologie war mir bisher völlig unbekannt. Im Nachhinein betrachtet hat der Therapeut einen sehr guten Job gemacht, dennoch hätte ein wenig Unterstützung nicht geschadet, um mein Versprechen „Wir schaffen das!“, einlösen zu können, das ich B in der Nacht nach der Operation ins Ohr geflüstert hatte und damit meinte, dass wir das gemeinsam durchstehen. Aber im Wort gemeinsam steckt ja schon einsam drin.

Hilf dir selbst…

Die ersten sechs Wochen befinde ich mich in einer Art Schockzustand. Während ich versuche, den Schlaganfall und seine Folgen für B, mich und uns als Tatsache zu begreifen, sehe ich mir selber beim Funktionieren zu.
Im Februar muss ich einsehen, dass ich mich endgültig ruinieren werde, wenn ich meine täglichen Besuche beibehalte und gehe zu drei Mal pro Woche über. Ich komme mir vor, als würde ich B im Stich lassen, auch wenn er Verständnis zeigt. Die Pausen sind dennoch nicht ausreichend, um mich zu erholen. Sie verhindern, dass ich verwahrlose, mehr nicht.
Nachts schlafe ich irgendwann über meinen Recherchen ein, um kurz darauf mit einem Angstanfall wieder hochzuschrecken. Die Eindrücke von echtem Elend, die ich aus der Klinik mitnehme, fordern ihren Tribut.
Ich fange an, mich zu beobachten. Ein Herzstolpern hier, ein Stich im Kopf da. Was, wenn auch ich…?

Abgesehen davon, dass der Schlaganfall überhaupt passiert ist, ist am schlimmsten, wie einsam und verlassen ich mich fühle.
Wie immer suche ich Trost in der Literatur. Ich krame Gabriele von Arnims „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ wieder hervor, das ich im vergangenen Jahr gelesen hatte, nicht ahnend, wie bald es relevant für mich würde. Ich kaufe „Hamster im hinteren Stromgebiet“ von Joachim Meyerhoff.
Aber mir ist ziemlich schnell klar, dass ich Hilfe brauche. Dringend.
Die Wartezeit für eine Psychotherapie beträgt in Berlin derzeit ungefähr ein Jahr.
Ich versuche es mit Selbsthilfegruppen, bei denen„für Schlaganfallpatienten und ihre Angehörige“ steht.
Im Gegensatz zu meinen Busbekanntschaften erwarte ich mir hier als Angehörige alte Hasen, die ihren Weg gefunden haben und schon etwas abgeklärter sind. Ich entdecke auch eine Gruppe für pflegende Angehörige. Dort hätte ich vielleicht das Verständnis bekommen, das ich brauche, aber erstens sehe ich mich nicht als  pflegende Angehörige und zweitens ist die Gruppe am anderen Ende der Stadt. Deshalb rufe ich dort gar nicht erst an, sondern eine Gruppe für Schlaganfall in einigermaßener Nähe – und verstehe sehr bald, dass „und für Angehörige“ meint, dass die Angehörigen, die den Patienten zur Gruppe bringen, die Stunde über dabeibleiben dürfen.
Dass ich als Angehörige auch Hilfe gebrauchen könnte, ist dem freundlichen Herrn, der die Gruppe als Schlaganfallpatient gegründet hat, nicht im mindesten klar.

Ich lese auch „Käsekuchen mit Sauerkraut: Mein Mann, sein Schlaganfall und der ganze Irrsinn danach“ von Barbara Wentzel, die in Hamburg ein Wohnprojekt  für Schlaganfallpatienten gegründet hat. So nachahmenswert Eigeninitiative ist, wenn sich das Angebot, das man selber gern gehabt hätte, nicht findet, sie ist nichts für die Akutphase.

Schließlich greife ich auf das zurück, was ich in meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin gelernt habe. Denn um Trauer handelt es sich. Trauer um das, was war und nie wieder sein wird.
Schreiben, schreiben, schreiben. Biografiearbeit. Ressourcen abklopfen. Verankerung; im Leben, im Körper. Das Schicksal macht mich mit einer neuen Form von sanftem Yoga bekannt. Ich erkenne, welche Chance in dieser Bewegungsform für mich liegt und beschließe, damit weiterzumachen.
Nach insgesamt sechzehn Wochen, B ist noch immer in der Klinik, habe ich mein Gleichgewicht so weit wiedergefunden, dass ich ein, zwei Stunden pro Tag meine eigenen Projekte und Ziele wieder in den Blick nehmen kann.


Inzwischen taucht am Horizont die Möglichkeit von Bs Entlassung auf. Das wirft neue Fragen praktischer Natur auf, während die eine alte, bange Frage immer lauter wird: Was macht das Ganze mit uns als Paar? Lies hier weiter!






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