Monatsrückblick Juni 2023: Unter dem Brachmond

Brachmond – der alte deutsche Name für den Monat Juni. Im Mittelalter, zur Zeit der Dreifelderwirtschaft, wurde im Juni die Brache bearbeitet, ein unbebautes Stück Acker oder Wiese. Und genau das habe ich diesen Monat getan, ich habe Brachliegendes beackert: Blog aufsetzen, Selbstfürsorge und Ausgehen. Mein Ziel: mein Leben wieder zum Blühen zu bringen. Wie es mit dem normalerweise mit Schotter gefüllten kleinen Graben zwischen Straße und Gehweg geschehen ist, in den Nachbarn Sommerblumen gesät haben (siehe Beitragsbild).

Ein Blog macht Bang oder: Die Grenzen meiner Welt

Mein Computer ist bereit für das WordPress-Abenteuer


Als ich am 14. Juni den Veröffentlichen-Button drücke, macht es höchstens leise „pff“. Erst einen Tag später macht es „Bäng!“. Drei Jahre die Frage, ob ich nicht einen eigenen Blog starten soll, drei Jahre die Frage, wovon dieser handeln soll, drei Jahre die eigentliche Frage: Wer bin ich, dass…? Und jetzt, an diesem 15. Juni, geht mir auf, dass ich es einfach getan habe. Das ist der Bäng: Ich habe es einfach gemacht! Trotz aller Unklarheiten, trotz aller Zweifel und nicht zuletzt: trotz aller Technik.

Man stelle sich eine Frau vor, die jahrelang ihren Computer fast ausschließlich zum Schreiben von Texten benutzt, denn Schreibmaschinen sind einfach out. Die immer, wenn auf dem Bildschirm die Aufforderung zum Teilen erscheint, verzweifelt versucht, ihren Text in zwei Teile zu zerlegen, horizontal oder vertikal. Mit anderen Worten: mich. Wenn eines klar war, dann, dass ich Hilfe brauchen würde. Nicht nur in Sachen Technik, auch in Sachen Thema. Im Sommer 2022 hatte ich an Judith Peters Gratisworkshop „Boom Boom Blog“ teilgenommen und sie sagen hören: „Die Klarheit kommt beim Schreiben.“ Und im Vertrauen darauf, sie würde mir auch das Technische beibringen, beginne ich also in diesem Juni meine Blog-Brache zu beackern, indem ich mit „The Blog Bang“, Judiths achtwöchigem Einsteigerkurs in die Welt des Bloggens, beginne.

Ich lerne, einen Hoster zu finden, eine Domain zu buchen und eine E-Mail-Adresse dazu. Ich generiere ein Impressum und eine Datenschutzerklärung im Internet, erstelle je eine „Seite“ dafür und platziere sie in meinem „Menu“. Menü? War das nicht Pizza, Pasta und Insalata mista? Die Zutaten meines Wortsalates wollen nur schwer ein leckeres Gericht ergeben, das auch noch einigermaßen ansprechend aussieht. Die Bereicherung meines Wortschatzes um Begriffe wie „Theme“, „Plugin“, „Header“, „Footer“ oder gar „Post Title Border Bottom“ und „Desktop Nav Padding“ führt nicht notwendigerweise zu einer Erweiterung meines Horizontes. Im Gegenteil, der verschleiert sich wie bei einem aufziehenden Sandsturm in der Wüste Gobi. Mitunter habe ich den Eindruck, ich soll Chinesisch lernen, aber der Unterricht findet auf Chinesisch statt. Es ist lange her, dass ich einen so tiefen Frust im Bauch hatte. Trösten kann mich da nur Wittgenstein: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Und wer will das schon?

Um die Technik zu erlernen, müssen wir, die Kursteilnehmer, Texte produzieren, auf die wir diese auch anwenden können. Wir starten mit einem „Was ist…?“- Artikel. Ein „einfacher Expertenartikel“ zum Aufwärmen, bei dem mir schlagartig kalt wird. Expertin? Ich? Auf einem Blog, der noch nicht mal eine festgelegte Richtung hat? Bestenfalls einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Schreiben.
Ich war mehrere Jahre in der Trauerbegleitung tätig und möchte das auch weitermachen. Vielleicht mit Schreiben als Methode? Und ich habe schon immer geschrieben – oder eben auch nicht – und weiß etwas über Schreibblockaden. Macht mich das zur Expertin? Das gute alte Impostor-Syndrom meldet sich, und es tröstet mich nicht, dass es vorwiegend gut ausgebildete, zurückhaltende Frauen trifft. Ich entweiche vorläufig dem Dilemma mit der Richtung, indem ich meinem Blog den Titel „Pegasusanne“ und den Untertitel „Schreib dich frei!“ gebe, und schreibe, selbst von Identitätszweifeln geplagt, über das Thema, das ich wegen seiner identitätsstiftenden Wirkung so liebe: ressourcenorientierte Biografiearbeit. Und mein Blog sagt endlich Bäng!

Brandenburg oder: Was ich brauche

Abschnitt der Elbe in der Prignitz

Das Naherholungsgebiet des stressgeplagten Berliners ist das Land Brandenburg. Glaubt man der Prognose der Klimaforscher – und leider gibt es keinen Grund, an dieser zu zweifeln -, entwickelt sich Brandenburg zur Wüste. Trockenrasen allerorten, der Unterschied zwischen Brachland und Kulturland ist oft erst auf den zweiten Blick erkennbar.
Vier Tage verbringe ich im Nordosten Brandenburgs, der Prignitz. Projekt Selbstfürsorge. Denn auch die liegt brach. Während der vielen Stunden, die ich wegen des Blogs vor dem Computer klebe, falle ich in das alte Muster: Ich stelle meinen Willen über meinen Körper, erfülle ein selbstauferlegtes Pensum und ignoriere die Warnsignale, bis nichts mehr geht. Der Körper gewinnt. Immer.
Ich muss raus, dorthin, wo schon manch zivilisatorisches Problem in den Löchern der Netzabdeckung verschwunden ist, wo man die Stille hören kann und die Luft nach Kiefernnadeln riecht. Der erste Sommer seit vielen, in dem die Sonne nicht pausenlos vom Himmel brennt. Zwischendurch regnet es sogar mal, aber ich weiß, dass das dem Grundwasser auch nicht mehr hilft. Und so wende ich mich dem einzigen zu, das zu ändern in meiner Macht steht, mir selbst, und überlege mir einen Tages- und Arbeitsplan, der Müssen, Sollen, Wollen, Dürfen und Brauchen besser vereint.

Bandoneon-Konzert oder: Queen of the Road

Per Arne Glorvigen am Bandoneon

Ein Ausschwingen des Armes, ein langer Atemzug des Instruments, und durch den Raum klingt eine unbestimmte Sehnsucht, die tief im Herzen schmerzt. Der hochgewachsene, hagere Mann, der auf der Bühne mit seinem Bandoneon verschmilzt, ist Per Arne Glorvigen. Er spielt einen Tango Nuevo von Astor Piazzolla. Wir sind in der Norwegischen Seemannskirche in Berlin, und Glorvigen, der sich selbst als Weltbürger bezeichnet, gibt ein kleines Konzert, weil er letztes Jahr von Paris nach Berlin gezogen ist, weil die Pfarrerin seinen Bruder kennt und überhaupt.

Es ist das erste Mal seit der Pandemie, dass ich mich in einem geschlossenen Raum unter Leute wage. Noch immer kann ich die Angst vor Ansteckung, die in meinem Fall verheerend wäre, nicht abschütteln, aber irgendwann muss man ja mal wieder raus, woher sollen die Impulse für die Kreativität sonst kommen? Auch hier ist Brachland, das es zu kultivieren gilt.

Glorvigen entlockt im Verlauf des Abends dem kleinen braunen Kasten noch weit mehr als die Melancholie des Tangos. Von Barockmusik bis zeitgenössisch reicht sein Repertoire, auch vor Countrymusic und Roger Millers „King of the Road“ macht der Norweger mit dem Schalk im Nacken nicht Halt. Fingerschnipsend gehe ich nach Hause, ganz „Queen of the Road“ – der Juli kann kommen.

Das habe ich im Juni 2023 gebloggt

Aller Anfang ist schwer, und so sind es außer diesem Monatsrückblick „nur“ zwei Blogartikel geworden:

Darauf freue ich mich im Juli

  • Meine „Über mich“-Seite und meine Startseite zu erstellen
  • Zum ersten Mal bei „12 von 12“ mitzumachen
  • Mein Projekt Selbstfürsorge fortzuführen und jeden Tag 10000 Schritte spazieren zu gehen
  • Die Berliner Sommerferien
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Kategorisiert in Rückblicke

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